Impuls: Glaube in Zeiten von Corona und Klimawandel

Matthias Kreplin, Oberkirchenrat
Mai 2020
 

Manche von uns haben Anfang April einen Text des Zukunftsforschers Matthias Horx wahrge­nommen (vgl. https://www.zukunftsinstitut.de/artikel/im-rausch-des-positiven-die-welt-nach-corona), ein Text, in dem er versucht, die Corona-Krise zu deuten und auch die Chancen zu erkennen, die in ihr liegen. Matthias Horx stellt sich vor, wie säßen nach Ende der Corona-Zeit in einem Straßencafé und würden auf die überwundene Corona-Krise zurückblicken.

Dieser Rückblick aus einem in der Zukunft vorgestellten Zeitpunkt nennt Matthias Horx Re-Gnose. Eine Regnose ist nicht einfach wie eine Prognose ein Blick in die Zukunft, sondern stellt einen fiktiven Sprung in die Zukunft dar und versucht dann von dort aus ein Blick zurück in die Gegenwart.

Auch in der Bibel gibt es solche Regnosen. Eine davon ist Psalm 126:

Wenn der HERR die Gefangenen Zions erlösen wird,
so werden wir sein wie die Träumenden.

Dann wird unser Mund voll Lachens
und unsre Zunge voll Rühmens sein.

Da wird man sagen unter den Völkern:
Der HERR hat Großes an ihnen getan!

Der HERR hat Großes an uns getan;
des sind wir fröhlich.

HERR, bringe zurück unsre Gefangenen,
wie du die Bäche wiederbringst im Südland.

Die mit Tränen säen,
werden mit Freuden ernten.

Sie gehen hin und weinen
und tragen guten Samen

und kommen mit Freuden
und bringen ihre Garben.

Psalm 126 (Lutherübersetzung 2017)

Psalm 126 – der wohl zur Zeit der Deportation der Judäer nach Babylon entstanden ist – stellt sich vor, das Ende der Gefangenschaft sei Wirklichkeit und die Rückkehr nach Jerusalem sei möglich geworden. Die Rettungstat Gottes wird vorausgesetzt und von dieser her wird auf die Gegenwart zurückgeblickt. Eine Regnose ist eigentlich eine zutiefst christliche Perspektive auf die Geschichte, denn seit Ostern – so glauben wir da ja – wissen wir, worauf alle Geschichte hinauslaufen wird, und sei die Gegenwart noch so bedrängend.

Drei Momente können uns Psalm 126 und diese Bewegung der Regnose zuspielen.

Zunächst einmal: Prognosen neigen dazu, Gefahren heraufzubeschwören und Unheils­szenarien zu entfalten. Sie wollen zu Verhaltensänderung, zur Umkehr motivieren, indem sie die Konsequenzen des gegenwärtigen Verhaltens aufzeigen. Wie gering die Kraft von Prognosen ist, diese Wirkung auch hervorzurufen, können wir an den biblischen Propheten genauso sehen wie an den Prognosen der Klimaforscher. Eine Regnose dagegen geht anders vor: Sie erträumt sich die positive Zukunft und versetzt uns ein Stück weit schon hinein in diese Wirklichkeit. Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht – aber mir geht es jedesmal so, wenn ich diese Worte aus Psalm 126 spreche, dass ich schon ein Stück weit hineingezogen werde in diese neue Situation: „so werden wir sein wie die Träumenden. / Dann wird unser Mund voll Lachens / und unsre Zunge voll Rühmens sein. /… / Der Herr hat Großes an uns getan; des sind wir fröhlich.“ Wenn ich diese Worte spreche und bete, dann wird es mir schon etwas leichter, dann kommen mir Freude und die Dankbarkeit schon etwas näher. Das hilft ganz anderes mit der bedrängenden Gegenwart umzugehen als Prognosen, die eher belasten und Druck machen.

Ich wünsche mir deshalb mehr solche Regnosen wie Psalm 126 für unsere Zeit. Das Szenario „Sicherheit neu denken“ (www.sicherheitneudenken.de), das im Rahmen des Friedensethischen Prozesse der Evangelischen Landeskirche in Baden entstanden ist, ist eine solche Regnose. Und anders als viele friedensethischen Ermahungen und Imperative entfaltet es auf der Basis seiner visionären und zugleich realpolitischen Perspektive eine neue Kraft. Weil es eine Möglichkeit aufzeigt. Weil es das Träumen realistisch macht.

Eine zweite Kraft entfalten solche Regnosen, die sich auch in Psalm 126 zeigt. Es werden hoffnungsvolle Elemente, weiterführende Entwicklungen, positive Kräfte auch in der bedrängenden Gegenwart identifiziert. „Dann wird man sagen unter den Heiden: / Der Herr hat Großes an ihnen getan!“ Die Deportation nach Babylon hat die Israeliten und ihren Gottesglauben in einen vorher nicht gekannten internationalen und interreligiösen Kontext gerückt. Nicht nur die kleinen, unbedeutenden Nachbarvölker der Judäer nehmen wahr, was da in Jerusalem am Tempel an religiöser Praxis geschieht. Nein, das Geschick der Judäer wird nun ein international wahrgenommenes Geschick und was mit ihnen geschieht zu einem Zeugnis für viele Völker. Ihr Gottesglaube wird zum Zeugnis für alle Welt. Die Heiden kommen jetzt auch ganz anders in den Blick als früher: Konnte in Zeiten des früheren Königtums ab und an davon geträumt werden, dass die Nachbarvölker sich der Herrschaft des Jerusalemer Königs unterwerfen, dass das Großreich des Königs David wieder hergestellt wird, so kommt jetzt die Idee auf, dass die Völker der Welt, die Heiden den Gott Israels wahrnehmen, ihn respektvoll anerkennen – ohne dass dies mit Herrschaftsansprüchen verbunden ist. Es entsteht eine neue Vorstellung von Gott und seinem Verhältnis zu Israel und den anderen Völkern. Die Religionsgeschichtler meinen ja, dass das Konzept des Monotheismus, also die Vorstellung, dass es nur einen Gott gäbe, der damit auch automatisch ein Gott aller Menschen ist, gerade während der babylonischen Gefangenschaft entstanden sei. In der Regnose des 126. Psalms kann offenbar dieses nach vorne weisende Element der Gegenwart schon entdeckt werden, auch wenn es in den Bedrängnissen der Gegenwart vielleicht noch kaum sichtbar ist.

Matthias Horx versucht in seinem Regnose-Text solche positiven Entwicklungen in der Corona-Zeit zu identifizieren. Und ich denke, wir können solche positiven Entwicklungen auch in unserer Gegenwart wahrnehmen: Wir merken, wie es plötzlich möglich ist, radikale Maßnahmen politisch durchzusetzen; wir entdecken viel Kreativität, Engagement und Solidarität in einer sonst fragmentierten Gesellschaft; und bedingt durch die eingeschränkte Mobilität und Produktion geht der Ressourcenverbrauch deutlich zurück.

Und schließlich: Der Sprung in eine fiktive Zukunft ist kein Herausbeamen aus der Gegenwart, keine Flucht vor den Tatsachen. Die Klage und das Bitten um Rettung verstummt deshalb nicht einfach: „Herr, bringe zurück unsre Gefangenen, / wie du die Bäche wiederbringst im Südland.“ Auch diese sehnsuchtsvolle Bitte findet sich in Psalm 126. Aber das Klagen und Bitten bekommt eine neue, vertrauensvolle Wendung: „Die mit Tränen säen, / werden mit Freuden ernten. / Sie gehen hin und weinen / und tragen guten Samen / und kommen mit Freuden / und bringen ihre Garben.“

Ich wünsche uns, dass auch wir einmal im Rückblick in Hinblick auf unsere Arbeit und Mühen sagen können: Ja, wir haben unter Mühen den Samen gestreut. Aber es ist reiche Frucht daraus aufgegangen. Ja, wir haben vieles versucht und manches hat sich nicht bewährt, aber wir haben dennoch einen Weg geöffnet, der für alle Menschen in eine gute Zukunft führt. Ja, manches, von dem was wir angezettelt haben, ist gestorben und untergegangen. Aber vieles hat sich ganz neu entwickelt und die Kraft der Auferstehung ist sichtbar geworden.

In diesem Sinne wünsche ich und frohen Mut bei unserem Engagement für Frieden, Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit.