Matthias Kreplin, Oberkirchenrat

Eine Geschichte zum Thema "Das Reich Gottes ist nahe herbeigekommen"
Hoch in den Bergen, unterhalb eines entlegenen Passes lag ein kleines Bauerndorf. Kaum, dass sich mal ein Fremder dorthin verirrte. Noch etwas weiter oben am Hang, außerhalb des Dorfes stand ein entlegenes Haus. Ein Bauer lebte dort mit seiner Frau und seinen beiden Söhnen. Sie hatten einige Ziegen und zwei Kühe. In einer geschützten Lage konnten sie Gerste anbauen. Gerade genug, um alle zu versorgen.
Eines Tages kam ein königlicher Bote das Tal herauf geritten. Der Bauer sah ihn von weitem und zuckte zusammen. Immer wenn ein Bote kam, bedeutete das schlechte Nachrichten. Unten, in der großen Stadt, weit weg am Fuße des Gebirges, regierte ein grausamer König. Er beutete sein Volk aus, wo er nur konnte. Immer wieder verlangte er neue Steuern; immer wieder zwang er junge Männer, in seinem Heer zu dienen. Mit bangem Herzen ging der Bauer in das Dorf hinunter, um zu hören, was der Bote zu sagen hatte.
Doch als der Bote sprach, brachte er gute Nachrichten. Er verkündete: "Der König ist gestürzt. Ein neuer König sitzt auf dem Thron. Er ist gerecht und barmherzig. Er hat alle Gefangenen frei gelassen. Den Armen hat er Brot gegeben. Die Soldaten hat er nach Hause geschickt. Mit allen Freiwilligen verfolgt er noch die letzten Anhänger des alten Königs, um ihnen alle Macht zu nehmen, die ihnen noch verblieben ist. Wenn sein Thron gesichert ist, dann wird er in alle Teile seines Reiches kommen, um zu sehen, wie groß die Not ist; um zu sehen, wie er helfen kann. Haltet euch bereit. Er will schon bald kommen." So sprach der Bote und ritt wieder das Tal hinunter.
Als der Bauer diese Worte hörte, hüpfte sein Herz in seiner Brust. Er lief zu seinem Haus, rief seine Frau und seine beiden Söhne, erzählte ihnen die gute Nachricht und sprach: "Ein Freudentag ist heute. Endlich hat unsere Not ein Ende. Wir wollen alles vorbereiten für die Ankunft des Königs."
So sprach er und fing an zu arbeiten. Nach zwei Tagen war er fertig. Er hatte einen großen Tisch mit zwei Bänken dazu angefertigt. "Wenn der König kommt, dann brauchen wir einen großen Tisch, um ihn zu bewirten", sagte er zu seinen Söhnen. "Aber das reicht nicht. Wir brauchen auch noch eine Unterkunft für den König. Wenn er kommt, soll er doch nicht gleich wieder ins Tal zurückreiten müssen!" Also baute er mit seinen Söhnen ein neues zweites Haus. Es hatte unten einen großen Raum, Platz genug für den großen Tisch und die Bänke. Oben gab es einige Schlafkammern. Den ganzen Sommer über bauten sie an diesem Haus. Natürlich hatte die Bauernfamilie auch ihre sonstige Arbeit noch zu tun. Aber irgendwie ging ihnen alles leichter von der Hand. Denn jeden Abend sagte der Bauer zu seiner Familie: "Stellt euch vor wie das sein wird: Der neue König kommt zu uns und wir feiern mit ihm in unserem neuen Haus!" Und so schafften sie es: Kurz bevor der Wintereinbruch kam, war das neue Haus fertig.
Der Winter kam, aber der König kam nicht. Stattdessen kamen Leute aus dem Dorf zum Bauern, um sich das neue Haus anzusehen. Die einen sagten: "Glaubst Du wirklich die Geschichte mit dem neuen König? Ich sage dir: Bevor er nicht leibhaftig vor mir steht, glaube ich gar nichts. Es sind schon so viele Märchen erzählt worden!" Doch der Bauer sagte: "Hast Du nicht das Glänzen in den Augen des Boten gesehen. Ich sage dir: Niemandes Augen glänzen so sehr, wenn er nicht für wahr hält, was er sagt. Ich glaube ganz fest daran, dass der König sich endgültig durchsetzt und dass er bald auch zu uns kommt." Und dabei glänzten seine Augen.
Einige seiner Nachbarn konnte der Bauer auch überzeugen. Mit ihnen traf er sich immer wieder an den langen Winterabenden. Sie studierten Lieder ein. Denn der Bauer sagte: "Wenn der König kommt, dann wollen wir ihn doch würdig empfangen!"
Der Winter verging und der Sommer kam. Der König aber kam nicht. Stattdessen kamen Fremde über den Pass. Aus dem Land jenseits des Gebirges. Dort hatte es eine Hungersnot gegeben und die Menschen flohen. Als sie mit letzten Kräften über den Pass kamen, konnten sie sich gerade noch bis zum Anwesen des Bauern schleppen. Der nahm sie auf, gab ihnen Quartier in seinem neuen Haus und gab ihnen von seinen Vorräten zu essen. Als ihn seine Freunde fragten, warum er denn das neue Haus, das extra für den König gebaut worden war, diesen zerlumpten Gestalten überlassen würde, sagte er: "Der König ist ein König der Armen, er hilft den Hungernden, er steht den Schwachen bei. Wie wäre es wohl, wenn er käme und sähe, dass wir uns dieser Armen nicht angenommen hätten? Könnten wir ihn dann noch mit Freude empfangen? Würde er sich über uns freuen? Ich sage dir: Nach allem was ich über diesen König gehört habe, wird es ihm gefallen, wenn wir uns dieser armen Fremden annehmen." So gab er ihnen Quartier und Nahrung. Und die Fremden jubelten über den guten König dieses Landes.
Eines Tages sagte seine Frau zu dem Bauern: "Unsere Vorräte sind bald aufgebraucht. Wenn wir den Fremden noch weiter zu essen geben, werden wir im Winter ins Dorf gehen müssen und mit unseren Ersparnissen Brot kaufen müssen. Dann haben wir aber keinen Notgroschen mehr, für schlechte Zeiten." Doch der Bauer sprach: "Weshalb brauchen wir einen Notgroschen? Nächstes Jahr, wenn der Winter vorbei ist, können die Fremden uns helfen. Dann können sie für sich selbst Gerste anbauen. Und über den Winter reicht uns das Geld ja. Wir brauchen ja nicht zu fürchten, dass einer kommt, um Steuern einzutreiben. Und wenn der König kommt, dann spielt Geld sowieso keine Rolle." So sprach der Bauer und behielt die Fremden bei sich.
Und so vergingen die Jahre. Der Sommer kam und ging. Der Winter kam und ging. Der König aber kam nicht. Aber immer wenn jemand den Bauern fragte, wie etwas gemacht werden sollte, sagte er: "Denke wie es sein wird, wenn der König kommt! Und dann handle danach!"
Nach vielen, vielen Jahren, der Bauern war schon alt geworden, kam eines Tages der König. Plötzlich, unerwartet. Der Bauer sah ihn schon von weitem mit seinem Gefolge das Tal heraufziehen. Er jubelte. Und sofort wurde ein großes Fest vorbereitet. Später bei dem Fest, nachdem die Begrüßungslieder gesungen waren, nachdem der Bauer dem König das extra für ihn gebaute Haus gezeigt hatte, nachdem er ihm die Fremden, die schon lange keine Fremden mehr waren, der Reihe nach vorgestellt hatten, als sie aßen und tranken und fröhlich waren, sagte der König zu dem Bauern: "Dies ist der entlegenste Teil meines Reiches. Und hier lebt ihr, wie wenn ihr Nachbarn meines Palastes in der großen Stadt wäret. Es kommt mir vor, wie wenn ich bei euch ein und aus ginge. Und dabei sind zwanzig Jahre vergangen, bis ich zu euch kommen konnte." Da sagte der Bauer zum König: "Seit dem Tag, an dem der Bote uns die frohe Nachricht brachte, seit diesem Tag bist du hier gewesen."